“OPERETTE FÜR ZWEI SCHWULE TENÖRE”
von Florian Ludewig und Johannes Kram

“… The revolutionary aspect is that the story of the two gay men is shown without turning their gayness itself into a problem. It’s a natural fact among many other facts. It’s not what the show is really about, even though, in the end, it is all about that. An interesting concept. (...) 
Of the many songs and duets presented at the Schwules Museum*, there was a hilarious Lehár homage of ‘Gern hab’ ich die Frau’n geküsst’ with a gay twist, there was a glorious champagne song ('Champagner von Aldi'), and a touching finale with 'Ein Liebeslied von Mann zu Mann.'"

Dr. Kevin Clarke, Operetta Research Center, Amsterdam

 

 "Die Sichtbarkeit, Kontaktpunkte, es gibt sie, aber nur und zu wenige. Kunst kann Aufklärung schaffen, wenn sie eine Bühne bekommt. Da muss früher angesetzt werden, in der Schule schon. Wieso nicht im Musikunterricht „Ein Liebeslied von Mann zu Mann“ aus der „Operette für zwei schwule Tenöre“ singen?"

taz

 

Letzte AUFFÜHRUNGen:

 

Am 17. März 2018

Kunstmuseum Stuttgart

Lange Nacht der Museen

Im Rahmen der Sonderausstellung »Patrick Angus. Private Show«

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20 Uhr & 21 Uhr, jeweils 30 Min.
 

Tickets sind ab 9. Februar 2018 im Vorverkauf erhältlich: 
Erwachsene 19 € / Kinder 4 € (6-14 Jahre)

Das Lange-Nacht-Ticket bzw. das Ticket-Band gilt am 17. März ab 12 Uhr als VVS-Kombiticket. Es berechtigt zur Nutzung aller VVS-Verkehrsmittel (2. Kl.) bis Betriebsschluss im gesamten VVS-Netz.

Mehr: www.lange-nacht.de

 

IDEE

Florian Ludewig und Johannes Kram bringen die Geschichte eines Männerpaares auf die Bühne, die sich zwischen der Klischeewelt einer Landidylle und der schwulen Fetischszene bewegt. Die “Operette für zwei Schwule Tenöre” ist ein Stück, das weder eine Parodie, noch eine „Retro“-Imitation des Genres ist, sondern die musikalische und stilistische Welt der Operette mit heutigen Bildern und Themen füllt. “Es soll weder modernistisch noch altbacken sein“, sagt Kram, „wir nehmen das Genre sehr erst, was heißt, dass auch albern und lustvoll zur Sache geht. Aber weder wir noch die beiden Protagonisten des Stücks schämen sich für große Gefühle.“
Dass es sich dabei vor allem um die Gefühle schwuler Männer handelt, steht in einer gewissen Tradition und ist doch auch neu. In einer Tradition deshalb, weil die Operette ein bedeutender Teil schwuler Kultur ist, dies gilt sowohl für den Einfluss ihrer Schöpfer und darstellenden Künstler als auch für das früher oft codierte und in heutigen Inszenierungen genussvoll geschöpfte Potential an bewussten und unfreiwilligen homoerotischen Andeutungen und Assoziationen. Neu ist, dass das so sehr schwule Genre Operette bisher noch kein Stück hervorgebracht hat, dass sich selbst um eine offen und eindeutig schwule Geschichte dreht. „Dabei ist die Operette, insbesondere die Berliner Operette der 20er, die tradierte Rollenbilder strapaziert, Diversität und Emanzipation feiert, ein perfekter Hintergrund, eine solche Geschichte heute zu erzählen. Und es ist einfach Zeit für eine ganz unverdruckste Operetten-Liebessarie von Mann zu Mann.“

STAND / AUSBLICK

Die “Of2sT” wurde im März 2017 im Schwulen Museum* in zwei ausverkauften konzertanten Previews unter der regen Anteilnahme der kulturellen und politischen Queer-Szene vorgestellt. Die Konzerte fanden im Rahmen der vielbeachteten Siegfried Wagner Ausstellung statt, in der die “Operette für zwei schwule Tenöre” von Kevin Clarke in einen Diskurs um die zeitgenössischen Möglichkeiten populären Musiktheaters mit queeren Themen gesetzt und in ihrer Bedeutung als weltweit erste Operette mit offen schwuler Haupthandlung präsentiert wurde. Ein Kurzauftritt der Operette war im August in der Berliner "Bar jeder Vernunft" zu sehen ein weiterer wird im Rahmen einer Gala am 11. April im „Tipi am Kanzleramt“ folgen. Außerdem zeigte das Schwule Museum ebenfalls im August ein “Best of” Konzert als seinen musikalischen Beitrag bei der diesjährigen Beitrag für die Berliner “Langen Nacht der Museen”, bei dem ein neuer Zuschauerrekord erreicht werden konnte. 

Wie schon zu Zeiten der alten Berliner Operette ist es geplant, das Werk sowohl als konzertante Revue, als auch als dramatisches Stück mit ausgeschriebener Handlung aufzuführen.

Zehn von insgesamt 15 Musiktiteln sind zur Zeit fertig, die restlichen entstehen gerade. Die Handlung steht, das Dialogbuch soll allerdings erst nach des Rahmen und Konzept einer möglichen Erstaufführung gefertigt werden. Zur Zeit existiert ein “kleines” Musikarrangement für Klavier, Geige und Schlagzeug, allerdings sind die Titel so komponiert, dass sie wahlweise auch für kleinere und größere Orchester “funktionieren”.

Ähnliches gilt für mögliche Inszenierungskonzepte: Grundidee ist jetzt, ein “Zwei-Personenstück”, in dem alle, also auch die (bisher zwei) Nebencharakthere von zwei Darstellern gespielt werden. Allerdings gibt es auch alternative bzw. erweiternde Überlegungen, beispielsweise eine mögliche besondere Rolle eines Chores, der die Rolle von Phantasie- und Klischeewelten “übernimmt”. Auch die Ausgestaltung weiterer kleinerer Rollen ist grundsätzlich möglich, sofern der Charakter einer “Two Man Show” im Fokus bleibt. 

HANDLUNG

Jan hat sich von Paul getrennt. Paul versteht die Welt nicht mehr, schließlich hatten sie doch in den letzten Jahren ein Leben zusammen aufgebaut, mit allem, was sich beide (und doch besonders Jan!) immer gewünscht hatten: Ein kleines Häuschen auf dem Land samt Gartenidylle, selbstgemachter Marmelade und freundlich grüßenden Nachbarn. Doch ohne jede Vorwarnung hat sich Jan aus dem Staub gemacht, ist nach Berlin gezogen, will sich in der Großstadt “ausleben” und schreibt Paul nun eine deftige Abschieds-E-Mail: Du hast mich eingeengt, bitte versuche mich nicht umzustimmen, es ist aus, bitte komme nicht nach Berlin, sondern bleibe da wo du bist. Paul denkt natürlich nicht daran. Natürlich fährt er sofort nach Berlin, natürlich wird er um die Beziehung kämpfen. 

Als er von Jans Tür steht, will der ihn zunächst abblitzen lassen, doch dann einigen sich die beiden auf einen Deal: Paul darf zwei Wochen bei Jan in Berlins Zimmer bleiben bis sein Flug zurück in die Heimat geht, doch er muss akzeptieren, dass Jan jetzt Single ist. Paul stimmt zu, will aber die Chance nutzen, Jan vom Leben mit ihm auf dem Land zu überzeugen.

Doch dann ist es ausgerechnet Paul, der seine Leidenschaft für die Fetisch-Szene der Großstadt entdeckt und von Party zu Party wandert. Jan bekommt Paul kaum zu Gesicht, er versucht sich mehr recht als schlecht im Internet-Dating, was was zu schön absurden Begegnungen führt. Jan beginnt, sein altes Leben zu vermissen, doch er weiß nicht so recht, was daran: Die Übersichtlichkeit? Das Idyll? Oder doch Paul? Immerhin lernt Jan zu akzeptieren, was er nicht ist, nämlich cool. („Ich bin nicht markant, ich bin halt der Nette, doch mein Fetisch ist die Operette“)

Schließlich nähern die beiden sich doch wieder an, wollen es dann doch wieder zusammen versuchen, doch das will nicht so recht funktionieren, auch wenn sie einiges ausprobieren: Kuriose Rollenspiele, eine “Ménage à trois” (“Ein Duett zu dritt”). Dann doch wieder gemeinsam zurück aufs Land? Oder endgültig trennen? Sie einigen sich darauf, ihr altes Leben wieder “aufzunehmen”. Doch auch in ihrem kleinen Dorf finden sie jetzt nicht mehr zurecht, wobei es jetzt Paul ist, der gegen die Spießigkeit wettert und nun infrage stellt, ob die beiden da als schwules Paar wirklich so akzeptiert worden sind, oder sich das nur eingeredet hatten. Schließlich gibt es keine Gewissheiten mehr, selbst ihr Rückzugsort ist keiner mehr. Sie haben nur noch: Sich. Oder auch: Sie haben jetzt endlich: Sich.

Die „Operette für zwei schwule Tenöre“ erzählt - wie jede Operette - die Geschichte des wunderbaren Glücks einer möglich werdenden „unmöglichen Liebe“. Sie zeigt, dass sich jede Liebe selbst erfinden muss, wobei eine schwule Liebe nicht auf all die tradierten Erfahrungen zurückgreifen kann, wie die der Heteros. Die Tradition des offenen schwulen Glücklichseins hat gerade erst begonnen, sie will gelernt, probiert und erkämpft werden. Sie will gleich sein und doch auch anders. Sie schreit danach zu scheitern, in unserer Geschichte ist das teilweise brüllend komisch, doch immer auch berührend, liebevoll, zumal das Scheitern-Können immer auch ein Pathos rechtfertigt, dass sich nicht falsch und schmierig anfühlt. So feiert das Stück die Operette, nicht nur als das sie tragende Genre, sondern auch als Teil der Handlung selbst, als Vorstellung einer besseren Welt, die nicht nur erkämpft, sondern auch erträumt werden können muss, um gelingen zu können.